Über die Suche nach neuer Normalität

Studio H² – Arbeit und Leben

Die Sache mit der Arbeit

Es war wieder diese Zeit, in der hier die Arbeit über allem stand. Wochen ohne Wochenenden. Im Anschluss steht nun eine Reise und ich bin unendlich froh darüber. Anderer Ort, andere Sprache, andere Aussicht. Auszeit.

„Es gibt einfach Phasen, da arbeitet man wie bekloppt und dann muss es wieder diese Phasen geben, wo das im Gleichgewicht steht“ sagte ich der Redakteurin, die mich für das Video „Arbeit und Leben“ zum Thema Arbeit 4.0 interviewte. Wenn wir diese Phasen der Balance zwischen Arbeit und Freizeit immer wieder und in nicht zu kurzen Abständen erreichen, mag das funktionieren. Doch für viele findet das gar nicht mehr statt.

„Many of us simply work too much to really be well … Nothing can alleviate the stress of overwork except working less … No amount of multivitamins, yoga, meditation, sweaty exercise, superfoods or extreme time management, as brilliant as all these things can be, is going to save us from the effects of too much work.“ Zoë Krupka

Die wirkungsvollste „Wellness“-Maßnahme, die wir uns neben vereinnahmender Arbeit gönnen können ist unverplante Zeit, Schlaf und einfach mal nicht verfügbar sein. Es ist nicht der Arbeitsinhalt allein, der den Stress erzeugt, es sind die Umstände: ständige Erreichbarkeit, ein nie endender Strom an digitaler Konversation, ein zunehmend gesteigertes Tempo und eine enorme Erwartungshaltung.

„Menschen geben den Anspruch auf, Herr über sich selbst zu sein. Statt dessen ergeben sie sich Verhältnissen, die niemand anders als doch sie geschaffen haben.“ Detlef Esslinger

Nach einer Analyse der DAK steigt mit dem Zwang der Erreichbarkeit das Risiko zu erkranken. Keine Frage, die digitale Automatisierung unseres Arbeitsalltags ist durchaus komfortabel, erfordert jedoch das Finden eines neues Rhythmus für Normalität. Doch sich an Neues zu gewöhnen scheitert, wenn die Entwicklung so schnell voranschreitet, dass bereits Vieles überholt ist, bevor man eine Routine dafür entwickeln konnte. Und was machen wir mit unserer durch technologischen Fortschritt gewonnenen Zeit? Wir arbeiten und erwarten noch mehr.

„Wir sind eine urbanisierende Gesellschaft, die tendenziell weniger in familiären Strukturen lebt. Das macht die Bedeutung des Arbeitslebens sozial wichtiger. Wir neigen heute mehr dazu, unser Selbstwertgefühl ausschließlich aus der Arbeit zu beziehen“ meint Dr. Mazda Adli. Ist das so oder ist die Entwicklung nicht längst gegenläufig? Haben wir vielleicht ein Level erreicht, in dem wir unsere Prioritäten verlagern und das aus reinem Selbstschutz?

Viele Menschen lieben ihre Berufe, machen ihre Arbeit gerne, wollen aber nicht komplett von ihr vereinnahmt werden. Sich überarbeiten ist nicht mehr schick, nichts womit man kokettiert oder sich brüstet. Es ist ein Problem, das gelöst werden will. Der Trend geht zu „Weniger Arbeit, mehr Freizeit. Weniger Hamsterrad, mehr Freiheit.“ schreibt Julia Löhr für die FAZ. Trend – was bedeutet das schon? Nun, gesellschaftliche Veränderung und Wandel, der sich häufig manifestiert und zur allgemein gültigen Regel wird. Und vielleicht ist das dann dieses „sich daran gewöhnen“ und die neue Normalität.

„We need to reclaim time, to have time on our hands, time to waste, time for unplanned conversation, time for biding our time. These qualities of belonging are always available to us.“ Peter Block

In diesem Sinne: Ich packe meinen Koffer und bin dann mal weg. Wir hören, lesen und sehen uns im Juli. Ich freue mich.

 

Dieser Text erschien zuerst im Newsletter meines Kreativbüros Studio H². Wer möchte, kann diesen hier abonnieren. Weitere Gedanken zum Thema Arbeit findet Ihr übrigens bei Indre und Stephanie.

Bild 1 und 2 aus „Arbeit und Leben“, Arbeit 4.0 – BMAS / Bild 3: Nicola Holtkamp

Zukunftsbilder

„Lebt Utopien“  – Foto © Angela BremerFoto © Angela Bremer

In den vergangenen Wochen habe ich verschiedene Vorträge als Videoaufzeichnungen und Radiosendungen als Podcasts gehört. Rückblickend betrachtet ergibt sich daraus ein rundes Informationspaket zum Thema Arbeit, Technologie, Beschäftigtendasein, Zukunftsvisionen, Dystopie und Utopie und was der Kapitalismus mit all dem zu tun hat. Weil es mir so wichtig erscheint, dass wir unser Bewusstsein für diese Thematiken sensibilisieren und mehr Verständnis für die damit verbundenen Problematiken entwickeln, möchte ich dieses Video-Audiopäckchen hier gerne teilen.

Frank Rieger erläutert in seinem re:publica 2015 Talk, warum es keinen Sinn macht Technologie zu regulieren, da clever Unternehmen immer eine Lösung finden, solche – allein auf Technisches abzielende – Regeln zu umgehen. Er fordert Verwendungstransparenz unserer Daten und dass jedem einzelnen das Recht zustehen muss, seine Privatsphäre zu schützen. Und er regt an zur großen, positiven, gesellschaftlichen Vision, um Grundsätze zu entwickeln für das digitale Zeitalter: „Diese Vision zu erarbeiten ist eine kollektive Aufgabe.“
→ Frank Rieger: Warum wir aufhören müssen, zu versuchen, Technologien als solche zu regulieren

Crowdworker, Clickworker, Turker, Datenhausmeister,  Independent Contractors … kennt Ihr? Johannes Kleske behandelt die Thematik der On-Demand Economy in seinem diesjährigen re:publica Talk: „Maschinen machen uns nicht arbeitslos, sie werden unsere Chefs. Uns werden dann häufig nur noch die Jobs bleiben, für die sich die Maschinen zu schade oder wir einfach günstiger sind. Es wird Zeit für eine neue, digitale Arbeiterbewegung.“
→ Johannes Kleske: Mensch, Macht, Maschine – Wer bestimmt wie wir morgen arbeiten

Sebastian Strube erläutert in seiner prämierten Bayern2Hörfunksendung, wie man als Crowdworker arbeitet und berichtet über die Entstehung einer neuen digitalen Arbeiterklasse – zu der nach meiner Ansicht auch immer mehr Soloselbstständige aus der Kreativwirtschaft gehören.
→ Sebastian Strube: Crowdwork. Vom Entstehen der digitalen Arbeiterklasse
Der blau/rote Play-Button (Flash), nicht das Laudatio-Video darunter.

Kapitalismus basiert auf Wachstum. Wachstum kann nur so schnell sein wie der technische Fortschritt. Das Wachstum jedoch nicht mehr möglich ist, wenn uns die Rohstoffe ausgehen, wissen wir. Das eine alternative Kreislaufwirtschaft in sich funktioniert, meinen wir inzwischen auch zu wissen. Doch wie wir dahin kommen, das wissen wir nicht. Der Weg von A nach B, der fehlt. Darüber spricht Mathias Greffrath mit Ulrike Herrmann (Autorin des Buches „Der Sieg des Kapitals“) in einem Deutschlandfunk Beitrag: „Wenn dieser Weg gegangen werden sollte, wer wäre dann der Träger?“ „Ich würde sagen, tatsächlich das aufgeklärte Bürgertum zusammen mit den Kapitalisten. Das darf man sich dann auch nicht als Klassenkampf vorstellen, sondern da müsste dann die gesamte Gesellschaft dran mitwirken.“
→ Ulrike Herrmann: Warum der Kapitalismus im Prinzip nicht zu retten ist

Auch Harald Welzer spricht in seiner Keynote auf der see#10 Konferenz in Wiesbaden über mangelnde visionäre Fantasie in unserer Gesellschaft. Die Attraktivität der gegenwärtigen Zukunftsentwürfe ist: alles soll doch bitte bleiben wie es ist – nur noch bequemer. Dauerhaft funktioniert das jedoch nicht, denn der damit verbundene Ressourcenverbrauch und die produzierten Müll- und Emissionsmengen machen die Fortsetzung dieses Zivilisationsmodells unmöglich (… siehe oben): „Diese Form von Ökonomie ist komplett unökonomisch geworden, weil sie ihre eigenen Lebensvoraussetzungen konsumiert“. Harald Welzer vertritt die Meinung, dass es uns völlig abhanden gekommen ist, Visionen und Utopien zu entwickeln, die nicht am Gegebenen kleben. Er regt an, Mechanismen, die unsere Gegenwart ausmachen auf ihre Zukunftsfähigkeit zu hinterfragen, um wieder nachhaltige und visionäre Zukunftsbilder zu entwickeln. Und er erläutert, was wirklich damit gemeint ist, wenn wir heute dringend darüber nachdenken müssen „wie wir in Zukunft leben wollen.“
→ see#10 Harald Welzer

Daniel

Daniel Ehniss – Webdesigner – Karlsruhe

Das erste Mal persönlich getroffen habe ich Daniel auf einer Hochzeit. Die Trauung fand im Freien statt und wir saßen alle auf Bänken in der Sonne. Daniel kam mit seiner Frau Julia und den beiden älteren Kindern. Inzwischen sind sie Eltern von dreien. Erziehung und die Arbeit im Haushalt teilen sie sich. Damit das möglich ist, entscheidet Daniel oft ganz bewusst: weniger Job, dafür mehr Familienzeit – auch wenn sie deswegen an anderer Stelle eventuell etwas sparen müssen.
Daniel ist eine belesene und nachdenkliche Persönlichkeit. Warmherzig, doch durchaus zurückhaltend geht er mit Bedacht auf Menschen zu. Wie er seinen Lebensstil immer wieder konsequent und nachhaltig an seine moralischen und ethischen Überzeugungen anpasst beeindruckt mich.

Wo kommst Du her?
Aus einem ruhigen Elternhaus am Rand einer Kleinstadt in dem es immer Raum für Gespräche und Gedanken gab, und das Wenigste in Stein gemeißelt war. Dort habe ich es auch gelernt zwischen den Stühlen zu sitzen. Während meines Studiums entdeckte ich meine Leidenschaft für dieses Internet. Irgendwann wurde dann das Digitale zum Beruf und die Theologie trat einen Schritt zurück. Von der Geisteswissenschaft kann ich meine Finger jedoch trotzdem nicht lassen. Mich begeistern Gedanken und Lesen trägt zu meiner inneren Balance bei.

Wo willst Du hin?
Ich habe kein konkretes Bild vor Augen wo ich in einigen Jahren stehen werde. Ich will nicht aufhören mich zu verändern, zu lernen und mich sowohl als Mensch als auch fachlich weiterzuentwickeln.
Ich lebe in der Gegenwart, das hier und jetzt zählt für mich am meisten. Mit meiner Partnerin will ich alt werden, das Leben gemeinsam meistern und Freiheiten die wieder kommen begrüßen. Für meine Kinder wünsche ich mir auch, dass diese Gesellschaft offener wird und sie als Frauen und Männer in einer gleichberechtigten Welt leben können. Ich wünsche mir auch in Zukunft mein Leben mit guten Freunden zu teilen und in einer Gemeinschaft zu leben, die mich sowohl herausfordert als auch unterstützt.

Was treibt Dich an?
Leidenschaft etwas Sinnvolles zu schaffen. In mir steckt das Streben nach Gerechtigkeit, wie Derrida möchte ich Herrschaftsstrukturen sichtbar machen und überwinden. Wie Zizek möchte ich das ›große Ganze‹ verstehen und verändern, da dies jedoch bisweilen zu groß ist, um tatsächlich von mir verändert zu werden, setze ich einen Fuß vor den anderen und gehe kleine Schritte. Ich vermute nachhaltige Veränderung auch eher in der Evolution als im Umsturz.
Musik. Schönheit. Die Möglichkeit zu lernen. Neues, mir unbekanntes, fasziniert mich.

Was hält Dich auf?
Ich kann ganz gut alles mögliche verkomplizieren. Als introvertierte Person hilft mir mein Perfektionismus gepaart mit kritischem Denken nicht unbedingt dabei, mich unbefangen in Gesellschaft zu bewegen. Viele Ideen und meine Finger in zu vielen Projekten zu haben.

Drei Dinge, die Du in 5 Jahren gemacht haben möchtest?

  • Mich treibt auch die Idee an in Harmonie mit Gott, Menschen und der Natur zu leben. Daher möchte ich in fünf Jahren entspannt und gleichzeitig konsequent ohne tierische Produkte leben und dazu beitragen, Brücken zwischen Menschen zu bauen.
  • Meine Kinder durch die ersten Lebensjahre begleitet zu haben und ihnen ein guter Partner in der Jugend zu werden.
  • Eine Balance zwischen Abwägen und Artikulieren gefunden zu haben. Im gesprochenen Wort und geschriebenem Text dialogbereit einen klaren Standpunkt vertreten, der leicht nachzuvollziehen ist und dennoch die Facetten nicht unterschlägt.

Daniel Ehniss lebt mit seiner Familie in Karlsruhe. Er ist unter Depone Netzgestaltung selbstständig als Webdesigner tätig und parallel freiberuflicher Theologe. Daniel twittert unter @depone und schreibt für sein Blog danielehniss.de.

Fotografiert haben wir bei Daniel Zuhause drinnen und draußen – mit Familie, Hausgemeinschaft und Freundeskreis – auf Karlsruher Bordsteinen und an seinem Arbeitsplatz, dem im Büro 5&30.

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Fotos: Nicola Holtkamp – Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved
Dieser Beitrag ist Teil der Portraitserie Im Augenblick.

Wortgewühle

Office

…  Einsichtskarte, Wolkenfloß, Silbersaft, Goldmut, Schleichgewand, Schlummerschaum, Puderperle, Pfirsichgewitter, Pampelmusenbrause, Sodasaft, Mankelwut, Zwirbelhaut, Ausschlagpapier, Einziehtuch, Zerebralkantine, Wunderwinkel, Gedankenstalt, Chancenschimmer, Wankelzone, Stolzierpapier, frühauf, spätunter, geröstet und gebohnert, stillschweigend, lautschreibend, wundermir, wunderdir, bunderwar.